(1) Neustart mit 50? So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt.


13.05.2023 | Wenn mir mit 20 jemand erzählt hätte, dass ich mit über 50 noch einmal das Gefühl haben würde, mein Leben komplett neu sortieren zu müssen, hätte ich vermutlich gelacht. Wahrscheinlich hätte ich gedacht: Ach komm, bis dahin hat man doch alles im Griff. Man ist erwachsen, erfahren, vernünftig und hat auf die meisten Fragen eine Antwort.

Heute weiß ich: Das ist völliger Quatsch.

Je älter ich werde, desto mehr Fragen tauchen auf. Manche davon sind neu. Andere waren schon immer da und wurden nur lange genug zugeschüttet, damit man sie nicht hören musste.

Irgendwann sitzt man dann da. Vielleicht auf einem Balkon. Vielleicht am Strand. Vielleicht einfach nur abends auf dem Sofa. Und plötzlich fängt das Gehirn an, alte Kartons aufzumachen. Man denkt an Entscheidungen, die Jahrzehnte zurückliegen. An Menschen, die gekommen und gegangen sind. An Dinge, die man unbedingt haben wollte und die heute keine Rolle mehr spielen. Und an andere Dinge, von denen man damals dachte, sie seien unwichtig, obwohl sie später das ganze Leben beeinflusst haben.

Mir fällt dabei immer öfter auf, wie seltsam das Leben eigentlich funktioniert.

Als Kind denkt man, die Erwachsenen hätten alles verstanden. Mit 18 glaubt man, jetzt geht das richtige Leben los. Mit 30 rennt man irgendwelchen Zielen hinterher. Mit 40 versucht man, alles gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen. Und irgendwann stellt man fest, dass man einen großen Teil seines Lebens damit beschäftigt war, Erwartungen zu erfüllen.

Die der Eltern.

Die des Umfelds.

Die der Gesellschaft.

Und natürlich die eigenen.

Man macht Ausbildung, Beruf, Beziehung, Verpflichtungen, Termine, Verantwortung. Immer kommt das Nächste. Immer gibt es etwas zu erledigen. Immer gibt es irgendeinen Grund, warum man sich später um sich selbst kümmern kann.

Später.

Ein gefährliches Wort.

Denn irgendwann merkt man, dass später längst angekommen ist.

Was mich in den letzten Jahren beschäftigt hat, war deshalb weniger die Frage, was alles schiefgelaufen ist. Viel spannender fand ich die Frage, warum bestimmte Dinge immer wieder passieren. Warum man sich manchmal in Situationen wiederfindet, von denen man eigentlich dachte, man hätte sie längst hinter sich gelassen. Warum man Menschen trifft, die einem etwas über sich selbst zeigen. Und warum manche Lektionen offenbar so lange wiederholt werden, bis man sie endlich verstanden hat.

Ich habe keine fertigen Antworten darauf.

Und genau deshalb schreibe ich diese Artikel.

Nicht als Experte. Nicht als Coach. Nicht als jemand, der das Leben durchgespielt hat.

Sondern als jemand, der irgendwann festgestellt hat, dass er sein eigenes Leben vielleicht zum ersten Mal wirklich verstehen möchte.

Vielleicht geht es dabei um Beziehungen. Vielleicht um Verlust. Vielleicht um das Älterwerden. Vielleicht um die Frage, warum man sich selbst oft viel härter behandelt als andere Menschen.

Wahrscheinlich geht es um alles zusammen.

Jedenfalls habe ich beschlossen, die nächsten Jahre nicht mehr einfach nur irgendwie vorbeiziehen zu lassen. Wenn das Leben schon ständig neue Fragen stellt, dann kann man sie wenigstens anschauen, statt davonzulaufen.

Und wer weiß.

Vielleicht erkennt sich der eine oder andere in diesen Gedanken wieder.

Dann hätte das Ganze schon einen Sinn.