24.11.2024 | Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann fällt mir auf, dass ich lange geglaubt habe, Erwachsene hätten einen Plan. Das war für mich damals völlig selbstverständlich. Die waren schließlich groß, durften Auto fahren, hatten einen Beruf, ein eigenes Konto und trafen Entscheidungen, ohne ständig jemanden fragen zu müssen. Also mussten sie doch wissen, wie das Leben funktioniert.
Heute frage ich mich manchmal, wie ich überhaupt auf diese Idee gekommen bin.
Vielleicht liegt es daran, dass Kinder immer nur die Oberfläche sehen. Man sieht die Eltern morgens zur Arbeit gehen. Man sieht Lehrer vor einer Klasse stehen. Man sieht Menschen, die Rechnungen bezahlen, Häuser bauen, Familien gründen und Verantwortung übernehmen. Was man nicht sieht, sind die Zweifel. Man sieht nicht die Nächte, in denen jemand wachliegt und über Entscheidungen grübelt. Man sieht nicht die Ängste, die Unsicherheiten oder die Momente, in denen jemand selbst keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll.
Als Kind stellt man sich das Leben oft wie eine Treppe vor. Man geht von Stufe zu Stufe. Schule, Ausbildung, Beruf, Beziehung, Wohnung, vielleicht Familie. Irgendwann steht man dann ganz oben und hat verstanden, wie alles funktioniert.
Zumindest dachte ich das.
Dann wird man älter und merkt, dass das Leben erstaunlich wenig Interesse an solchen Plänen hat. Es passieren Dinge, die nicht vorgesehen waren. Menschen kommen ins Leben und verschwinden wieder daraus. Entscheidungen, die sich einmal richtig angefühlt haben, wirken Jahre später plötzlich seltsam. Und manchmal sitzt man da und fragt sich, wie man eigentlich genau an diesen Punkt gekommen ist.
Das Verrückte daran ist, dass ich diese Gedanken früher nie hatte. Dafür war wahrscheinlich gar keine Zeit. Es gab immer etwas zu tun. Irgendeinen Termin. Irgendeine Verpflichtung. Irgendein Ziel, das erreicht werden wollte. Rückblickend kommt es mir manchmal so vor, als hätte ich viele Jahre auf einer Rolltreppe gestanden, die einfach immer weiterlief. Nicht unbedingt in die falsche Richtung, aber eben ständig vorwärts. Man steigt morgens auf und plötzlich sind zehn Jahre vergangen.
Erst wenn das Tempo nachlässt oder das Leben einen dazu zwingt, stehenzubleiben, beginnt man genauer hinzuschauen. Dann denkt man über Dinge nach, die früher selbstverständlich erschienen. Warum habe ich manche Entscheidungen getroffen? Warum haben mich bestimmte Menschen so stark geprägt? Warum haben mich manche Enttäuschungen jahrelang beschäftigt, während andere spurlos an mir vorbeigegangen sind?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass das Leben viel weniger geradlinig ist, als wir uns das früher vorgestellt haben. Die meisten Zusammenhänge erkennt man erst im Rückspiegel. Während man mittendrin steckt, fühlt sich vieles eher wie Zufall an. Später erzählt man daraus eine Geschichte und plötzlich wirkt alles logisch.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ältere Menschen so oft Geschichten erzählen. Nicht weil sie in der Vergangenheit leben, sondern weil sie irgendwann erkannt haben, dass sich bestimmte Dinge erst rückblickend verstehen lassen.
Ich merke das bei mir selbst. Es gibt Ereignisse, die ich früher völlig anders bewertet habe als heute. Manche Enttäuschungen waren im Nachhinein vielleicht sogar Chancen. Manche Menschen, über deren Verlust ich lange traurig war, hätten wahrscheinlich ohnehin nicht dauerhaft in mein Leben gepasst. Und umgekehrt gab es Begegnungen, die zunächst völlig unscheinbar wirkten und später wichtiger wurden, als ich damals ahnen konnte.
Vielleicht bedeutet Erwachsensein deshalb etwas völlig anderes, als ich früher dachte. Vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann auf alles eine Antwort zu haben. Vielleicht geht es eher darum, mit den offenen Fragen leben zu können, ohne dass sie einem ständig Angst machen.
Das fällt mir nicht immer leicht. Es gibt Tage, da hätte ich die Antworten immer noch gern. Es wäre doch schön zu wissen, warum manche Dinge passieren und andere nicht. Warum manche Menschen glücklich wirken und andere ständig kämpfen. Warum manche Wege funktionieren und andere in einer Sackgasse enden.
Aber wahrscheinlich würde selbst das nicht viel ändern.
Denn wenn ich eines gelernt habe, dann vielleicht dies: Das Leben besteht nicht aus den Antworten, die wir finden. Es besteht aus den Fragen, die wir bereit sind auszuhalten. Und vielleicht ist genau das der Punkt, den ich als Kind nie verstanden habe.
Die Erwachsenen hatten keinen Plan.
Sie waren einfach nur schon länger unterwegs.