03.02.2025 | Wenn ich mein bisheriges Leben mit einem einzigen Wort beschreiben müsste, dann würde wahrscheinlich irgendwann das Wort „funktionieren“ auftauchen. Nicht sofort. Erst nach einer Weile. Aber irgendwann ganz sicher.
Interessanterweise habe ich das früher sogar als etwas Positives betrachtet. Wer funktioniert, bekommt schließlich Anerkennung. Auf den kann man sich verlassen. Der macht seine Arbeit. Der hält Zusagen ein. Der zieht Dinge durch. Das sind alles Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft ziemlich gut ankommen. Und ehrlich gesagt finde ich sie bis heute nicht falsch.
Das Problem beginnt erst dann, wenn man irgendwann feststellt, dass Funktionieren und Leben zwei unterschiedliche Dinge sind.
Als junger Mensch denkt man darüber nicht nach. Da hat man Ziele. Man möchte etwas erreichen. Man möchte unabhängig werden, Geld verdienen, sich etwas aufbauen und seinen Platz im Leben finden. Irgendwann wird aus dieser Phase dann Gewohnheit. Man steht morgens auf, erledigt das, was erledigt werden muss, geht seinen Verpflichtungen nach und macht einfach weiter. Viele Jahre lang kam mir das völlig normal vor.
Rückblickend fällt mir allerdings auf, wie selten ich mir dabei die Frage gestellt habe, wie es mir eigentlich geht.
Das klingt zunächst merkwürdig. Natürlich weiß jeder Mensch, wie es ihm geht. Oder zumindest glaubt man das. Wenn mich früher jemand gefragt hätte, hätte ich vermutlich geantwortet: „Alles gut.“ Und wahrscheinlich hätte ich das sogar ehrlich gemeint. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass man sich an vieles gewöhnt. Man gewöhnt sich an Stress. Man gewöhnt sich an Verantwortung. Man gewöhnt sich an bestimmte Menschen, an bestimmte Abläufe und manchmal sogar an Dinge, die einem eigentlich gar nicht guttun.
Irgendwann wird daraus so etwas wie der persönliche Normalzustand.
Vielleicht kennt jeder dieses Phänomen aus seiner Wohnung. Wenn irgendwo eine Uhr hängt, hört man sie nach ein paar Tagen nicht mehr ticken. Besucher hören sie sofort. Man selbst nimmt sie gar nicht mehr wahr. Ich glaube, mit vielen Dingen im Leben verhält es sich ähnlich. Man lebt jahrelang mit bestimmten Belastungen und merkt irgendwann gar nicht mehr, dass sie da sind.
Erst wenn sich etwas verändert, fällt einem auf, wie viel Kraft manche Dinge eigentlich gekostet haben.
Das Merkwürdige ist, dass ich lange Zeit dachte, genau so müsse das Leben sein. Man arbeitet sich eben durch. Man hat gute Zeiten und schlechte Zeiten. Man trägt Verantwortung und macht weiter. Fertig.
Heute sehe ich das etwas differenzierter.
Nicht weil ich plötzlich weniger Verantwortung übernehmen möchte. Eher im Gegenteil. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Menschen sich selbst irgendwann unterwegs verlieren, ohne es überhaupt zu bemerken. Sie kümmern sich um alles und jeden, nur nicht um sich selbst. Sie werden Experten darin, Probleme zu lösen, Termine einzuhalten und Erwartungen zu erfüllen, während sie gleichzeitig immer weniger Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen haben.
Vielleicht fällt einem das in jungen Jahren nicht auf, weil ständig Bewegung im Leben ist. Erst später entstehen diese merkwürdigen Momente. Man sitzt irgendwo, schaut aus dem Fenster oder läuft durch die Gegend und fragt sich plötzlich, warum man eigentlich so müde ist. Nicht körperlich müde. Eher auf eine andere Art.
Und genau an diesem Punkt wird es interessant.
Denn manchmal liegt die Ursache gar nicht in dem, was gestern oder letzte Woche passiert ist. Manchmal trägt man Dinge jahrelang mit sich herum. Nicht bewusst. Eher wie einen Rucksack, den man so lange auf dem Rücken hatte, dass man sein Gewicht irgendwann gar nicht mehr bemerkt.
Vielleicht gehört das Älterwerden auch dazu. Nicht nur Erfahrungen zu sammeln, sondern gelegentlich stehenzubleiben und sich zu fragen, welche Lasten man eigentlich noch tragen möchte und welche man längst hätte abstellen dürfen.
Eine endgültige Antwort habe ich darauf nicht. Aber ich merke, dass mich diese Frage heute deutlich mehr beschäftigt als früher. Wahrscheinlich deshalb, weil ich immer besser verstehe, dass ein Mensch sehr lange funktionieren kann.
Die spannendere Frage ist allerdings, ob er dabei auch wirklich lebt.